Warum Tokyo nicht ein Jahr auf mich gewartet hat

Ein Jahr lang hatte ich ein Bild von Tokyo in meiner Erinnerung konserviert. Nun trifft es auf die Realität. Episoden eines Rückkehrers

Anmerkung: Den Text hatte ich nach den ersten zwei Wochen in Tokyo geschrieben, in der Halbzeit meines Monats in Japan in diesem Sommer. Ein paar Sachen haben sich inzwischen wieder geändert…

Für mich gibt es das Tokyo von vor zwei Jahren:
eine mir komplett unbekannte Stadt, voll mit fremden Menschen und fremder Sprache.

Es gibt auch das Tokyo von vor einem Jahr:
nach einer arbeitsreichen, erfüllenden Zeit, verließ ich die Stadt. Ich hatte Freunde, Kollegen, liebe Menschen und wunderbare Orten gefunden. Ich ging – wohlwissend, bald wieder zurückzukommen und das aufgeschlagene Kapitel Tokyo mit weiteren Zeilen zu füllen.

Und dann gibt es das Tokyo der letzten zwei Wochen:
vieles hat sich verändert, einiges nicht. Auch wenn ich ein Jahr darauf warten musste, wieder in die Stadt zurückzukehren – Tokyo hatte nicht auf mich gewartet. Die Stadt und seine Bewohner haben sich verändert.

Die Ankunft

Es ging wieder mit Aeroflot über Moskau nach Tokyo. Ich musste sechs Stunden im Sheremetyevo International Airport auf den Anschlussflug warten. Dank kostenlosen WLAN war das kein Problem. Vom Flughafen schickte ich auch eine Rechnung für einen Artikel an ein Magazin, die kurz nach meinem Abflug in Deutschland einen Beitrag abgenommen hatten. Jetset-Journalismus.

Während man sich auf dem Flug von Tokyo nach Moskau bei Aeroflot noch Mühe gibt mit dem Essen und Service, begrüßten mich nun auf dem umgekehrten Wege abgeranzte Sitze und geschmackfreies Essen. Ich bat meine Flugbegleiterin Olga um einen Tee, doch sie wollte mir keinen geben. Aus Strafe, weil ich etwas anderes als Wasser oder Sprite haben wollte, gab es für die nächsten zwei Stunden für mich gar nichts zu trinken. Als Bordprogramm gab es auch nur einen Monitor für die jeweils sechs Sitze dahinter und Olga’s Rückenmassagen, mit denen sie eingeschlafene Fluggäste zum Essen weckte.

Die erste Couch

Nach der Landung in Narita sollte es zu Freunden gehen. Am Fahrkartenschalter merkte ich, wie eingerostet mein Japanisch war. Stammelnd bestellte ich mir ein Busticket auf Japanisch und bekam es von der Verkäuferin auf Englisch ausgehändigt. Als die Angestellten der Busfirma mit weissen Handschuhen meinen Rucksack verstauten und sich bei der Abfahrt vor dem Bus verbeugten, realisierte ich endlich: ich bin wieder in Japan.

Auf der Autobahn ging es vorbei an Hügeln, Reisfeldern, überwucherten Gegenden und vereinzelten Bahnhöfen. Beim Blick auf die Gleise packte mich die Reiselust. Ich erinnerte mich an meine vielen Zugfahrten quer durch das Land. Sehe ich hingegen einen Bahnhof der Deutschen Bahn überkommt mich nur Frustration.

Als der Bus im Zentrum von Tokyo ankam, fuhren wir im Wolkenkratzer-Viertel vorbei – meine alte Nachbarschaft, von der ich mal 5min entfernt lebte. Wir hielten an einer Ampel und ich blickte aus dem Fenster. Die Kreuzung kannte ich. Ich stand hier auch schon oft an der Ampel mit meinem Fahrrad. Dabei dachte ich über ganz triviale Dinge nach. Was ich heute zum Essen koche oder wo ich diese Woche Bilder mache.
In Tokyo hatte ich nie diesen Hunger danach, etwas bedeutungsvolles zu schaffen; dieser Druck, den ich in Berlins ruhigen Tempo oft verspüre, etwas außergwöhnliches tun zu müssen. In Tokyo kümmerten mich eher triviale Dinge, wie das Abendessen, statt Gedanken, wie ich die Karriere in Berlin noch weiter pushen muss. Vielleicht weil alles, was ich in Tokyo mache, automatisch eine gewisse Bedeutung bekommt. Ich blickte auf die Straßenkreuzung und vermisste die trivialen Gedanken.

In Shinjuku bin ich dann wie in Trance in den Zug gestolpert, habe mich zunächst, wie es sich gehört, verfahren, und bin dann vom Bahnhof auf die Couch. Der Schlüssel lag neben der Tür, meine Freunde waren noch im Büro und auf der Arbeit. Der erste Empfang in Tokyo war also eine kalte Dusche und zwei Kissen auf dem Sofa, die mein Wachkoma nach fast 20 Stunden unterwegs sanft auffingen.

Mit dem Sonnenuntergang kamen meine Freunde nachhause. Doch von den Leuten, die früher in diesem Haus wohnten und die ich zu meinen Freunden zählte, lebten nur noch zwei hier. Die anderen haben das Land verlassen – Richtung Heimat oder Richtung Karriere.
Es gab eine Umarmung und wir saßen. Es gab Gespräche und wir saßen. Es gab Essen und wir saßen. Gegen Mitternacht kam noch ein „Hey…“ durch die Tür von einem amerikanischen Architekten. Wir sahen uns ein Jahr lang nicht, doch er war zu müde um sonderlich Notiz von meiner beendeten Abwesenheit zu nehmen.

Ich kam als externe Partei in ihr Haus, in ihr Leben. Zwischen Job, Beziehung und Alltag drängte sich nun ein Reisender auf die Couch, für den keiner so recht Zeit und Energie nach einem Arbeitstag hatte. Ich hatte mir Zeit für einen Sommer in Tokyo genommen, doch sie mussten natürlich weiter arbeiten und leben. Es war vielleicht naiv von mir mehr zu erwarten, doch dieser kalte Empfang ließ mich enttäuscht zurück.

Der lange Spaziergang

Das „wieder ankommen“ dauerte länger als ich dachte. Der Jetlag tat sein übriges. Ich versuchte so schnell wie möglich wieder in eine Arbeitsroutine zu kommen, doch im konstant wechselnden Schlaf-Wach Zustand und mit dem Computer auf dem Wohnzimmertisch als provisorischen Arbeitsplatz mochte sich keine Routine einstellen.

In einem großen Kühlbeutel brachte ich Käse, Joghurt und Schokolade aus Deutschland mit und verteilte es über die nächste Tage – auch an einen deutschen Freund. Er kam vor zwei Jahren nach Tokyo und war damals Teil eines Stipendien-Programms. Nur noch er und ein weiterer Stipendiat sind nach dem Ende des Programms bis heute in Tokyo geblieben. Bei vielen war es der japanische Arbeitsalltag, der die langfristigen Lebensplanung änderte – zu einem Leben fern davon. Es war ein Hit & Miss, entweder passte der Job oder nicht. Bei meinem Freund passte es und entspannt schlenderte er mit mir eine Stunde durch Tokyo zum Grillfest von seinen Kollegen. Doch da der Jetlag mich fast in den Grill fallen ließ, verabschiedete ich mich nach zwei Stunden und sechs Hühnchenflügeln wieder.

Die Suche nach Normalität

Ich hatte ja noch mein Handy von Softbank. Doch da ich ein Jahr und zehn Tage lang kein Anruf mehr auf dem Handy empfangen hatte, war es wertlos. Nach einem Jahr wird die Nummer und die Registrierung gelöscht. Neue Prepaid-Karten verkaufen sie nicht mehr, da: „Kriminelle haben die Prepaid-Handys benutzt. Deswegen haben wir sie aus dem Sortiment genommen“. Demnächst: Verbot von Autos, weil sie von Kriminellen zur Flucht genutzt werden, und das Verbot von Brot, da statistisch gesehen alle Massenmörder 24h vor ihrer Tat Brot verzehren.

Dank der Rechnung, die ich vom Flughafen in Moskau schickte, und einigen Aufträgen, die unerwartet reinkamen, hatte ich mehr finanzielle Mittel zur Verfügung als ich vor der Reise erwartet hatte. Um produktiver arbeiten zu können erwog ich daher, mir mein eigenes Zimmer zu mieten. Zunächst wurde mir ein Angebot von der deutsch-japanischen Vermieterin im Haus meiner Freunde gemacht.
Ich war noch in meiner Unterwäsche als die Vermieterin morgens zu meiner Couch kam um mit mir über Geld zu reden. Hektisch griff ich mir die Decke und bot ihr den Käse aus Deutschland an. Sie hätte lieber Geld fürs Zimmer, sagte sie. Etwas zu viel, also lehnte ich ab.

Die alte WG

Der Empfang in meiner alten WG in Nakano lief herzlicher ab. Von den zehn Personen, die vor einem jahr zusammen mit mir hier im Haus wohnten, leben nur noch vier Personen hier. Doch die Alten stellten mich den Neuen vor und als ich nach sechs Stunden, gefüllt mit langen Gesprächen, ging, fragten mich die Neuen, wann ich doch endlich hier wieder einziehe.

Es war die perfekte Verbindung von meinem alten Tokyo zu einem neuen. Nicht die Wiederholung einer Erinnerung sondern die Kreierung von neuen, gemeinsamen Momenten. In dem ersten Haus machten wir nichts zusammen, außer dass ich auf der Couch saß und die anderen davor. Die spontane Entscheidung in meiner WG in Nakano gemeinsam zu einem Conbini zu gehen, nur weil ich Trinkschokolade wollte, mobilisierte das halbe Haus. Gemeinsam gingen wir von einem Conbini zum nächsten, nur weil ich Kakao haben wollte und nirgendwo fand. Es war so simpel, so dämlich, aber doch so gemeinsam. Stets zusammen mit den alten und neuen Mitbewohnern.
Zwei Tage später zog ich ein.

Ich bezog ein Zimmer im ersten Stock, das kurzfristig frei geworden war, doch die erste Woche lebte ich im Erdgeschoss, im Zimmer einer Freundin, die währenddessen für sieben Tage in der Tsunami-Region als Übersetzerin unterwegs war. Ich mochte jede pinke Minute davon.
Am ersten Morgen wachte ich mit Vogelgesang vor meinem Fenster(!) auf. Im Morgenlicht sah ich nun auch all die vielen Fotos, Plakate und Poster, die ihrem Zimmer eine freie, kreative Atmosphäre verpassten.

Ich bloggte schon über sie, und sie auch über mich. Sie lieh mir auch ihr Fahrrad, ein kleines Mamachari, komplett(!) in pink. Ich nahm den Anlass für ein kleines Gedicht auf Facebook:

In Tokyo,
for there has never been a greater sight,
than of a blonde foreigner on his pink bike.

Ich malte mir schon aus, was ich den Polizisten sagen sollte, wenn sie mich anhalten und fragen, ob das mein Rad ist:

„Nein, es gehört meiner Freundin“
(was schon mal eine heterosexuelle Basis etabliert)
„Ja, willst du mit mir drauf reiten?“ *zwinker*
„Nein, es passt auch gar nicht zu meiner Frisur, mein Popöchen lässt sich nur auf goldene Räder nieder“

In meiner alten WG in Nakano, in meinem eigenem Zimmer begann die produktivste Zeit in Tokyo. Ich war aus dem Jetlag raus, hatte mein eigenes Zimmer, dass ich auch mal abschließen konnte, und zu jederzeit Freunde um mich herum, falls ich mal eine Ablenkung brauchte. Ich habe gearbeitet bis ich vor dem Rechner eingeschlafen bin. Nach dem Aufwachen ging es dann meist weiter mit der Arbeit, bis einem dann auffällt, dass man seit über 12 Stunden nichts mehr gegessen hat. Das Tokyo Leben, eben. Wie sehr hatte ich es vermisst.

Der Besuch der Lieblingsbar

Täglich bewegen sich in Tokyo über 30 Millionen Menschen. Ein ganzes Jahr war ich weg – und doch sprach mich der Barkeeper in meiner Lieblingsbar in Tokyo darauf an, dass ich meine Frisur geändert habe. Er konnte sich noch an mich erinnern.

In der Bar traf ich mich mit meinen deutschen Mitbewohner aus meiner ersten WG in Hatsudai. Jahrelang arbeitete er mal hier, mal da, und war sehr glücklich damit. Nun hat er einen Dreijahres-Vertrag bei einer Mobilfunk-Firma und denkt über Hochzeit nach. Der dritte Mitbewohner unserer WG hatte kurz zuvor schon geheiratet (und zwar die Frau, die mein Zimmer wollte und so für meinen Auszug sorgte).
Die WG ist inzwischen aufgelöst.

Fern der Heimat

Aus Deutschland erreichten mich in den ersten zwei Wochen in Tokyo drei Nachrichten:

Brief von der Uni
Die offizielle Zusage der Universität in Hannover traf ein paar Tage nach meinem Abflug in Berlin ein. Sie gaben mir eine Woche(!) um die 700€ Immatrikulationsgebühr zu bezahlen, ihnen diverse, unterschriebene Dokumente und ein Passfoto zuzuschicken. Sollte das fehlen, wird mein Studienplatz vergeben.
Da war die Hektik, vorallem bei meinen Eltern, natürlich groß. Ich scannte meine Unterschrift ein und schickte sie nach Deutschland. Nur ein Passfoto hatte ich nicht. Das konnte ich zum Glück noch selbst hinkriegen. Ich bat einen kanadischen Fotograf, der im selben Haus wohnte, um einen externen Blitz, doch er schlug vor, das Foto gleich selbst zu machen. Unrasiert stellte ich mich vor eine Wand in unserem Haus in Nakano und er drückte ab.
Mein Studentenausweis mit dem Foto kam zwei Tage nach meiner Landung in Berlin mit der Post. Nun habe ich eine ständige Erinnerung an das Haus in Nakano, an Tokyo und an eine liebevolle WG in meiner Brieftasche – und in meinem Studium.

sexy biometrisch, wa

Das verlegte Foto
Im April(!) bekam ich eine Anfrage von einem kleinen Verlag. Sie haben in meinem Blog ein Bild gesehen und würden es gerne für ein Buch verwenden. Natürlich würde man dafür bezahlen, doch man braucht noch ein bisschen Zeit, bis sich die Art Direction für das Foto entscheidet. Bis dahin nehmen sie die kleine Version aus dem Blog.

Sie hatten sich die ganze Zeit nicht gemeldet und ich hatte die Anfrage inzwischen schon wieder abgehakt. Vier Monate später kam nun doch die Mail. Bis Ende der Woche brauchen sie das Foto, danach kann ich die Rechnung stellen. Alles klar, kein Problem, sag ich und suche nach dem Foto.
Ich suche, und suche, und suche und stelle fest… das Foto befindet sich 8925km entfernt auf einer Festplatte in Berlin, und nicht auf meinem Rechner in Tokyo.

Ich überlegte nun zusammen mit dem Verlag, ob das jetzt einfach unprofessionell von mir war, das Foto nicht einzupacken, oder der Verlag sich einfach mal früher hätte melden sollen. So oder so, die Zeit drängte. Zufälligerweise war es ein Foto aus Tokyo, und ich hätte es einfach reproduzieren können. Doch nur für ein Foto, was ich ohnehin schon habe, einen halben Arbeitstag zu verlieren, dafür war die Vergütung nicht hoch genug.

Ein guter Freund bot an, das Foto auf meinen Festplatten in Berlin zu suchen. Er schickte mir das Bild dann nach Tokyo, von wo aus ich es wieder nach Deutschland schickte. Ganz schön viel Aufwand für ein einzelnes Bild, aber auch das erste Mal, dass ich mit dem Blog Geld verdient habe.

Der Anruf um Mitternacht
An einem späten Donnerstagabend erhielt ich einen Anruf von einer Klientin aus München, die dort für Tokyo tätig ist. Ein Online-Magazin hat bei ihr nach Bildern aus Tokyo gefragt. Und zwar nicht nach den üblichen Pressefotos, sondern nach Bildern von einer besimmten Bahnstation, die besonders sein soll. Meine Klientin rief daraufhin in Tokyo und bei der Bahnfirma an, doch verwendbare Fotos gab es nicht. Dann dachte sie an mich und schickte mich für Tokyo zum Bahnhof. Die Deadline war schon für den nächsten Tag angesetzt.

Eine Stunde lang für die Stadt Tokyo einen Bahnhof fotografieren und dafür bezahlt werden. Fotograf sein ist schon lustig, manchmal.

Ein Inder und seine sechs Schlüssel

Der wichtigste Aspekt für mich, um wieder in Tokyo anzukommen, war neben einer Arbeitsroutine, ein Fahrrad. Das pinke Fahrrad konnte ich auf Dauer nicht benutzen, größtenteils weil es einfach zu klein war und mir nach einer Weile die Knie schmerzten. Der Inder, dem ich dann sein Rad abkaufte, konnte meine Freude über das gekaufte Produkt nicht nachvollziehen, als er es mir zusammen mit drei Schlössern mit insgesamt sechs Schlüsseln überreichte.
Ich steh auf Freiheit.
Das schätze ich auch so sehr am Freiberufler-Dasein. Ein Rad bedeutet für mich Freiheit. Ich kann überall hin. Wann ich will und so weit mich die Pedale tragen. Es kostet mich kein Geld und ich muss mich nicht nach Zugplänen richten.

Der Inder war zwar noch irritiert, als er mein Geld nahm, wünschte mir aber einen gute Fahrt und bedankte sich einen Tag später noch für die gelungene Transaktion. Als ich ihn fragte, was er in Tokyo mache, sagte er, er arbeitet in IT. Natürlich.

Die erste Tour führte mich quer durch Nakano, bis zum Inokashira-Park. Immer Richtung Sonnenuntergang nach Westen. Vorbei an Wohngegenden, kleinen Gassen und kleinen Flüssen. Eine Sache, die mir in Berlin am meisten fehlte, war das Fahrradfahren durch Nakano, wo jede kleine Gasse eine neue Entdeckung sein kann. Auf dem Rückweg fuhr ich dann an den Bahntrassen der Chuo-Linie entlang, damit ich mich in der Metropole nicht verliere. Das Quietschen der Züge brachte mich nach Hause.

Einen Tag später fuhr ich meine alte Arbeitsstrecke lang, von Nakano nach Yurakucho. Ich fuhr am Kaiserpalast vorbei, unter Bäumen hindurch. Es roch nach Natur und ich musste an Berlin und seine Alleen denken. Als ich das realisierte lachte ich laut und lang.
In Berlin denk ich an Tokyo und in Tokyo an Berlin.

Geschichten aus einem deutschen Restaurant in Tokyo- die Rückkehr

Nach einem Jahr wieder durch die Straßen von Tokyo zu fahren fühlte sich so an, wie durch die Straßen von Berlin zu fahren nach einem Jahr in Tokyo. Alles war seltsam vertraut. Mühelos fand ich mein altes Restaurant wieder und parkte mein Rad unter dem kleinen Fachwerkshaus-Fenster. Ich sah meinen alten Chef durch das Glas und musste schon grinsen.
Zuerst erkannten mich meine Kollegen nicht und wollte mir sagen, dass sie gleich schließen. Beim Blick auf die Brille und mein Lächeln fiel der Groschen dann. Einige Kollegen hielten sich die Hand vor den Mund vor Überraschung. So ganz begreifen konnte sie es noch nicht, dass ein Jahr vergangen ist und ich nun wieder vor ihnen stehe.

Unter ihren Reaktionen hörte ich:
„Du siehst gut aus mit kurzen Haaren. Genau wie Sting“
„Dein Japanisch ist immer noch nicht besser“
„Du warst in Berlin, Israel, Palästina und nun hast du Aufträge in Tokyo. Du lebst das glückliche Leben eines Journalisten“

Wir redeten nicht viel. Sie hatten wenig Fragen und ich hatte wenig aus Berlin zu erzählen. In einem dreisprachigen Mix aus Deutsch, Englisch und Japanisch, stets mit Hilfe von Langenscheidt, schafften wir es dann doch noch Informationen auszutauschen. Doch das Gebrabbel war eigentlich egal, ich war einfach nur froh, sie wieder zu sehen.
Beim Erdbeben hat es zwar alle Gläser und Weinflaschen aus den Regalen geworfen und zerdeppert, und seit Fukushima haben sie auch keine deutsche Gäste mehr gesehen, doch das Geschäft floriert auch weiterhin. Es waren dieselben Kollegen von vor einem Jahr. Keiner hat gekündigt, keiner ist dazugekommen. Das Menü war unverändert – aber das ist es schon seit über 20 Jahren. Nur der Besitzer ist gestorben, doch dem trauerte keiner nach. War wirklich ein Jahr vergangen? Hier war es fast so, als hätte man sich bewusst Veränderung wiedersetzt.

Der Anti-Amerikaner

Im Laufe eines Jahres lernt man viele Menschen kennen. Hat man nur ein kurzes Zeitfenster von ein paar Wochen oder einem Monat, hat man weniger Zeit, neue und vorallem tiefergehende Kontakte zu knüpfen. Zu den wenigen neuen Personen, die ich näher kennenlernen durfte, gehörte ein amerikanischer Radio-Journalist. Ich kannte ihn schon etwas über Facebook, traf ihn aber nun zum ersten Mal in Person.

Er ist Südstaaten-Amerikaner und verdammt stolz darauf. In Japan ist er jetzt seit drei Jahren und Radio-Journalist ist er auch erst seit Fukushima. Mit vielen Sachen in Japan ist er frustiert, mit vielen Sachen in Amerika aber auch. Er ist gegen vieles, aber stets mit vollster Überzeugung. Zu keiner Gesellschaft fühlt er sich wirklich zugehörig und daraus macht er eine gesamte Grundhaltung. Sehr aggressiv vertrat er seine Positionen, trotzdem fand ich es sehr anregend mit ihm zu diskutieren. Gerade weil wir stets völlig unterschiedliche Positionen hatten. Eine europäische und amerikanische Sicht auf die Weltpolitik trafen aufeinander.

In den ersten Wochen in Tokyo trafen für mich vorallem viele Lebenskonzepte aufeinander: Meine Vorstellung vom Leben und Beruf, und die Vorstellungen vom Leben und Beruf der Menschen, die ich traf, die sich durchaus verändert hatten zu dem Jahr zuvor. Meine Idee vom Leben veränderte sich in dem letzten Jahr nicht unbedingt, ich sehe nach wie vor meine Zukunft mit der Kamera und dem Stift in der Hand im Ausland.
Vom Stipendiat, der hier für die Zeit einen erfüllenden Job gefunden hat, vom ehemaligen deutschen Mitbewohner, der der Heimat jahrelang den Rücken kehrte und nun aktiv überlegt mit seiner japanischen Freundin nach Deutschland zu ziehen, bis hin zum Amerikaner, der heimatlos ist und verdammt stolz darauf ist – in den ersten zwei Wochen auf so viele verschiedene Lebenspfade zu treffen war nicht einfach.

Der Abschluss des Kapitel Tokyo

Nach zwei Wochen ist nun fast Halbzeit. Ich bin inzwischen voll angekommen. Ich spüre momentan, dass ich das Kapitel Tokyo abschließe. Aufträge, Projekte und Kontakte, die ich vor einem Jahr begonnen habe, finden so langsam ihr Ende. Auch wenn ich ein Jahr lang nichts sehnlicher wollte, als nach Tokyo zurückzukehren, so meinte ich doch damit immer das Tokyo von vor einem Jahr.
Tokyo hat sich verändert. Ich hatte etwas Zeit gebraucht, um diese Veränderungen zu akzeptieren. Der erste Besuch in Nakano half mir dabei. Denn erst da fiel mir auf, dass sich nicht nur Tokyo und meine Freunde in dem letzten Jahr verändert haben – auch bei mir hatte sich etwas getan. Mein Vermieter sah das Buch, wo ich auf dem Cover groß als Autor stehen und war sprachlos. Auf dem Dach unserer WG erzählte ich von meiner journalischen Arbeit, der Berlinale und der Reise nach Palästina.

Ich bin jetzt 23. Als ich nach Tokyo ging war ich 21. Ich habe das Gefühl, das ich etwas reifer geworden bin – auch was meine Arbeit angeht. Wenn ich den Vergleich suche, zwischen den ersten Wochen in Tokyo, dem Ende meiner Zeit dort und jetzt, so muss ich doch feststellen, dass dieser Vergleich Käse ist. In Tokyo war es ein konstanter Prozess der Veränderung, jeden Monat aufs Neue. Die letzten Wochen in Tokyo als das Ergebnis eines Jahres zu definieren und auf ewig so im Gedächtnis zu konservieren, setzte mir nur Scheuklappen auf.

Das Kapitel Tokyo findet nun erstmal seinen Abschluss. Ich bin zwar nach wie vor glücklicher mit Arbeit und Leben, als ich es je in Berlin war, doch mir ist auch bewusst, dass das alles nur temporär ist. Vorerst.
Alte Freunde werden getroffen, lang gemisste Gerichte verzehrt und Jobs abgeschlossen. Bislang ist es nur eine Wiederholung und Beendigung vom Vergangenen. Ich füge keine neue Ebene zu meinem Leben in Tokyo hinzu, wie z.b. durch eine Freundin, festen Job o.ä.. Und bislang habe ich auch noch nicht das Bedürfnis das zu tun.

Zwei Jahre finden ihren Abschluss.

Appendix: Nach den vier Wochen in Tokyo und seit meiner Landung sehe ich das alles etwas anders. Allein die Tatsache, dass ich jeden Tag begeistert und motiviert 12+ Stunden gearbeitet habe, ständig neue Ideen und Inspiration sammeln konnte und sehr einfach spannende Themen für Artikel und Fotos gefunden habe, zeigt mir, dass das Leben in Tokyo ein Leben ist, in dem ich sehr glücklich und gesund sein kann. Unabhängig von Zeit und Lebenskonzepten.

Was mich allerdings nun bei meinem Abschied mehr traf als vor einem Jahr, war der Abschied von liebgewonnen Menschen. Die letzte Nacht in Tokyo, die ich wieder in meiner WG in Nakano verbrachte, war schmerzhaft, auch wenn ich es mir nicht habe anmerken lassen. Mir wurde der Fatalismus weiterer Reisen nach Japan bewusst. Es hatte ein Jahr gedauert, bis ich meine Freunde wieder gesehen habe. Und nun, ein Jahr später, waren weniger von ihnen in Tokyo. Bei meinem nächsten Besuch werden es noch weniger sein. Über den gesamten Globus zerstreuen sich dann Beziehungen, die früher mal nur zwei Bahnstationen oder zwei Treppen entfernt waren. Jetzt ist es ja noch ungewisser, wann ich wieder nach Tokyo komme. Bei europäischen Freunden ist ja noch die Chance, dass ich sie hier mal wieder sehe. Doch Neuseeland? Im US-Staat Alabama? Kanada?

Bei jeder neuen Reise nach Tokyo werden es weniger Freunde sein, die auf mich warten. Und in der Kürze der Zeit der Besuche lassen sich kaum neue, enge Freunde finden. Irgendwann werde ich nach Tokyo zurückkehre und niemand wird mehr auf mich warten. Es gibt dann nur noch mich, die Stadt und meine Kamera.
Für die Arbeit ist das gut, für das Herz nicht.

Kunst auf Knopfdruck

Oder: Warum es einfach ist, in der Yurikamome-Monorail in Tokyo coole Bilder zu machen.

Vor einigen Wochen gingen ein paar Bilder aus Tokyo durchs Internet. Diverse Kunst-, Design- und Urban/Architektur-Blogs verlinkten auf eine Sammlung von Fotos, gemacht in der Yurikamome-Line in Tokyo. Auch mir wurde der Link oft geschickt („guck mal Fritz, Bilder aus Tokyo!“).

Die Fotografin AppuruPai versteht es hier mit ihrer Kamera mittels Langzeitbelichtung Licht und Bewegung so einzufangen, dass eine Symbiose zwischen Raum und Zeit entsteht. Die Bilder ihrer aktuellen Serie ‘High Speed Photos of Yurikamome Rail Transit’ ziehen den Betrachter in den Sog endloser Wurmlöcher Tokyos.

Quelle: ignant

Wurmlöcher? Symbiose zwischen Raum und Zeit? Sicherlich waren das nicht die Gedanken der Fotografin, die in ihrem flickr-Stream mehr Katzen- als Kunstfotos hat, als sie den Auslöser drückte. Sie wollte nur ein cooles Bild machen. Und gelungen sind sie ihr, zweifellos.

Wenn man einen gewissen Level in der Fotografie erreicht hat, kann man alles cool, schön oder interessant aussehen lassen. Es gibt Techniken und Wege das zu erreichen. Ich zumindest glaube fest daran und hoffe irgendwann auch mal selbst diese Fähigkeit zu haben.
Das führt nun allerdings auch zu einem Dilemma: wenn man die Fähigkeit hat, alles gut aussehen zu lassen, wann wendet man sie an? Oder viel mehr: warum sollte man von etwas bestimmten ein gutes Foto machen, wenn man es zu jeder Zeit von allem machen kann?

Oft ist die Antwort: weil jemand dafür bezahlt. Im Falle von Kunst ist es aber: weil man etwas bestimmtes ausdrücken möchte. Ich unterstelle jetzt mal der Fotografin, dass sie nicht an eine Symbiose von Raum und Zeit beim Auslösen dachte. Sie hat die Kamera auf Langzeitbelichtung gestellt, ans Fenster gehalten und den Knopf gedrückt. Dann noch fix durch Photoshop und fertig.

Es ist ein Trend, den ich seit langer Zeit in der Fotografie beobachte und der mich ebenso lange nervt: Bilder werden totgeredet und bis zum Äußersten interpretiert. Ein verwackeltes Bild wird zu „einem Symbol für unseren hektischen Alltag“, eine Geste einer Person zur Kritik an der Gesellschaft. Das alles ist (meistens) ausgemachter Blödsinn.

Wenn ich den Auslöser drücke, denke ich nur daran, ihn nicht zu verfehlen und nicht den Finger vor die Linse zu halten. Oft gehen zwar verschiedene Sachen in mir vor und es gibt gewisse Gefühle, die ich ausdrücken möchte, doch alles ist stets unkonkret und nicht ausformuliert. So geht es den meisten Fotografen. In dem Bruchteil einer Sekunde, in dem das Bild entsteht, wird nicht viel nachgedacht. Bei inszenierten Bildern, die so viel Zeit und Vorarbeit beanspruchen wie ein Gemälde, ist es etwas anders. Doch was dann am Ende in Fotos reininterpretiert wird, ist meistens ein ziemliches Geschwafel.

In einer BBC-Dokumentation sprechen Fotografen und Kunstkritiker sehr lang über das Pfützenfoto von Henri Cartier-Bresson, was es für die damalige Zeit bedeutet und was er damit ausdrücken wollte. In einer anderen Doku wird Bresson selbst zu dem Bild gefragt. Er meint nur, dass er nicht mal durch die Linse guckte, und nur auf gut Glück fotografierte. „Es ist immer Glück“ sagt er.


Einfahrende Yurikamome-Monorail

Ich wollte selber mal ausprobieren, wie einfach es ist in der Yurikamome interessante Bilder zu machen, ohne komplexe Gedanken dahinter zu haben. Die Fotos sind auf zwei Fahrten beim Blick aus dem Fenster entstanden, weil ich eh in Odaiba zu tun hatte. Die Yurikamome macht es einem leicht, da sie führerlos ist und somit vorne wie hinten freie Sicht auf die Bahn bietet. Sie bewegt sich auch sehr gleichmäßig und wackelt nicht. Für eine Serie könnte man immer und her fahren, bis man das perfekte Bild gefunden hat. Aber, und da stellt sich wieder die Frage vom Anfang: was möchte man damit zeigen?

Wurst oder Wohnung

Zwei Tage WG-Besichtigung in Hannover. Irgendwo zwischen Blinddating und Casting suchten Wohngemeinschaften einen neuen Mitbewohner. Ein subjektiver Bericht.

(Veröffentlicht in der Berliner Zeitung vom 26.09.2011)

In Deutschland habe ich noch nie in einer WG gewohnt. In Tokyo teilte ich Wohnung bzw. Wohnhaus mit anderen. Nie gab es Probleme. In Japan musste ich nur den Vermieter mit finanzieller Liquidität überzeugen, doch in Deutschland steht vor dem Einzug in eine Wohngemeinschaft ein Vorstellungsgespräch vor dem WG-Rat. Es wird geprüft, ob man nett und interessant genug für den Einzug ist. Irgendwo zwischen Bewerbungsgespräch und Casting des neuen Freundeskreis finden dann diese Treffen statt.

Ich bin, was Wohnen angeht, super anspruchslos. In Tokyo war ich glücklich auf vier Quadratmetern ohne Fenster. Ich brauche nicht viel. Eine Matratze, einen Tisch und ich war zufrieden. Diese Anspruchslosigkeit konnten viele nicht nachvollziehen, ja es machte sie sogar skeptisch, als ob ich das nur erzählen würde, um das Zimmer zu bekommen. Doch ich brauchte wirklich nicht mehr.

Von daher waren meine Kriterien an die WGs relativ gering. Die Kriterien der WGs an mich aber scheinbar hoch. „Die Chemie muss ja stimmen“ und „man sollte schon ähnliche Interessen haben“. Mir war da relativ vieles egal. Ich denke in meiner Zeit in Japan habe ich eine gewisse Zurückhaltung gelernt, den man anderen entgegen bringt, mit denen man auf engen Raum zusammenlebt.

Wenn ich dann von meiner Wohnung in Tokyo erzählte, wurde ich natürlich auch zu meiner Zeit dort befragt. Ich berichtete gerne und viel darüber. Fast zu viel. Als ob diese Zeit, dieses eine Jahr, das einzige ist, was mich auszeichnet und von anderen Bewerber unterscheidet. Nichtsdestotrotz war es natürlich das spannendste, was ich zu erzählen hatte und daher brachte ich es natürlich immer gleich zu Beginn der Gespräche ein.

Die Fahrt

Im Westen von Berlin holte mich ein Kleinlaster mit 15min Verspätung ab. Knapp begrüßte mich der Fahrer der Mitfahrgelegenheit und schmiss meine Tasche in den Laderaum.
Er ist Transportunternehmer und macht jeden Tag den Trip nach Hannover um Autoteile abzuholen. Hin und zurück dauern mit Pause und Aufladen sechs Stunden, die sich die großen Autohäuser gerne etwas kosten lassen. Meine Frage, ob denn eine Sammelbestellung einmal in der Woche in einem großen LKW statt täglichen Touren in einem Kleinlaster denn nicht sinnvoller seien, schmetterte der Fahrer etwas angekratzt ab. Man könne ja heute nicht wissen, welche Bauteile man morgen braucht, sagte er, und starrte fest auf die Autobahn vor sich. Das ich so in der Frage gewissermaßen auch seinen Job für sinnfrei erklärte, fiel mir erst auf, als ich ausstieg.
Neben mir saß die zweite Mitfahrerin, eine selbstständige Nageldesignerin. Mit großen, aufgeklebten Fingernägel tippte sie auf ihrem Netbook. Ihr dickes Make-Up spiegelte sich dabei im Display. Viel zu sagen hatte sie nicht.

Die Fahrt war zügig und still. Die beiden hatten keine Interesse an dem, was ich erzählte und auch sonst hatten wir keine Schnittmengen. Bis dann das Thema Wohnungssuche in Hannover aufkam und ich lauter Tipps für gute Straßen bekam. Merken konnte ich mir keine.

Die erste WG – ein Traum in weiß

Ein quirliges Mädchen begrüßte mich mit einem Lächeln im Treppenhaus. Ihr Mitbewohner stand etwas müde im Flur und zeigte mir sein helles Zimmer, das bald frei werden sollte. Es sah gut aus, die Mitbewohner waren sympathisch und die Lage war bezahlbar. Das Gespräch lief gut, auch wenn ich viel zu viel erzählte.
Sie studiert an der Tiermedizinischen Hochschule, oder „Tiho“ wie die coolen Kids in Hannver sagen. Der Antwort auf die Frage nach ihrer Heimat stellte sie schon ein „kennste nich“ voran, bevor sie eine Liste von mir unbekannten Dörfern und Kleinstädten nannte, die jeweils mit „in der Nähe von“ verbunden waren.
Er ist grad in der Wirtschaft, will aber demnächst zur Polizei. So ganz enthusiastisch sprach er über keins von beiden. Nur als es darum ging aus Hannover weg zu ziehen zeigte sich eine gewisse Passion. Ich konnte es nachvollziehen.
Der dritte im Bunde war nicht da. Er ist in der Werbung, meistens bei seiner Freundin und sowieso „mehr für sich“.

Rückblickend muss ich sagen, dass diese erste WG-Besichtigung am besten lief und mir am meisten gefiel.

Die zweite WG – wir casten einen neuen Freund

Die zweite Besichtigung war zunächst schwierig. Als ich durch die Tür kam standen dort gleich drei der vier Bewohner vor mir und streckten mir die Hände zur Begrüßung hin. Alle kannten sich schon länger und bildeten mehr oder weniger den gemeinsamen Freundeskreis. Als externe Partei war es für mich schwierig dort Zugang zu finden, aber das war ihnen auch bewusst und sie gaben sich Mühe, mich zu integrieren.

Die Dame in der Runde hatte das Zimmer zu vergeben. Ende 20, Gelegenheitsmodel und selbstbewusst, aber ohne arrogant zu sein. Bescheiden und bestimmt erzählte sie von ihren Shootings. Sie hatte ein großes Bierglas vor sich und fragte mich, wie ich es denn mit dem Alkohol halte. Wenig, sagte ich, und zweifelnde Blicke gingen über das Glas zu ihrem Mitbewohner.

Sie geht jetzt für ein halbes Jahr ins Ausland und ihr Mitbewohner ebenso. Die, die bleiben, waren entweder im Urlaub oder gerade durch die Tür. Es war schwierig ein Gespräch mit denen zu führen, die dann eh nicht mehr die Mitbewohner sein würden. Trotzdem merkte ich, dass wir wenig Gemeinsamkeiten hatten. Zimmer und Lage waren okay.

Rückblickend muss ich aber sagen, dass das Gespräch hier gut lief, auch wenn ich währrenddessen einen anderen Eindruck hatte. Es lief fließend, wir scherzten. Wie in einem Bewerbungsgespräch hinterließ ich meine Kontaktdaten. Man meldet sich dann.

Die Kameratasche

Noch auf dem Weg nach Hannover bekam ich am Morgen einen Anruf. Es war ein Fotostudent von der FH Hannover, den ich noch nie im Leben traf, aber der in meiner Facebook-Liste ist. Er ist gerade in Berlin, hat aber nächste Woche einen Auftrag in Österreich und seine gesamte Ausrüstung ist noch in Hannover. Verschicken kann er das Equipment im Wert von mehreren tausend Euro nicht.
„Fritz, du kommst doch wieder nach Berlin, ne? Ich brauch jemanden, der mir meine Ausrüstung bringen kann, den ich kenne und vertraue. Naja, ich kenn dich jetzt zwar auch nicht, aber ich vertrau dir da mal.“
Ich zögerte, aber er drängte. Also sagte ich zu. Die Ausrüstung würde mir sein Mitbewohner im Laufe des Tages vorbeibringen.

Es folgten über den Tag verteilt noch mehrere Anrufe, die im Ton immer drängender wurden und mich gegen Ende hin auch kurz des Diebstahls bezichtigten. Kurz vor Mitternacht kam die Tasche und ich nahm sie an.

Der Überbringer und seine Begleitung waren sehr amüsiert von der Geschichte. Unverständnis gab es auch bei dem Freund bei dem ich übernachtete. Die, laut Anruf, „normale, kleine Kameratasche“, wog sieben Kilo und schnitt sich mit dem Gurt in meinen Rücken.

Bis es spät wurde und alle Mitbewohner der WG, wo ich die Nacht verbrachte, im Bett waren, diskutierten wir noch laut über Fotos. Im Zimmer einer Mitbewohnerin, die im Urlaub war, pennte ich zwischen Klavier und Gewitter dann ganz gut.

Ein Hipster in Hannover

Als ich am Tag zuvor nach Hannover fuhr, hatte ich nur die zwei Besichtigungstermine. Der nächste kam spontan am nächsten Morgen per Email. Vorher telefonierte ich mir eine Heimreise für den Abend und fuhr mit meinem Gastgeber zur Uni Hannover, um die Architektur-Projekte einer Mitbewohnerin zu fotografieren.

Ich wollte die Gelegenheit glech mal nutzen, um meine neue analoge Kamera auszuprobieren. Wie bei einem echten Tourist Hipster baumelte die 40 jahre alte Kamera aus Metall um meinen Hals. Meine Beobachtung vom Vortag, dass Hannover relativ frei von Hipstern ist, wurde nun von mir selbst zunichte gemacht.

Mein Freund zeigte mir dabei die Stadt. Die Prachtmeile von Hannover, die Limmerstraße, begann mit höflichen Punks, füllte sich mit Imbissen und Restaurants, und endete mit billigen Geschäften. „Mehr geht nicht in Hannover, bunter als hier wirds nicht“ sagte mein Freund und ich war nicht sonderlich traurig, nur einen schwarz/weiss Film in der Kamera zu haben.

Konstruktionen für die Kamera

Im Innenhof der Fakultät für Architektur waren die Konstruktionen ausgestellt. Versteckt oder dominant sollten sie dem grauen Hinterhof Akzente verleihen. An einigen Ecken wurde noch geschraubt und geklebt.

Nach den anstrengenden WG-Terminen, wo alles was du sagst und tust in deine Bewertung in die Auswahl um das Zimmer mit einfließt, waren die Architekten echt eine entspannte Abwechslung. Wenn ich sie ansprach, kam ein Lächeln zurück. Sie erzählten gerne von ihren Projekten. Der Professor war auch ganz entzückt über uns zwei Fotografen und er nahm sich viel Zeit mir den Gedanken hinter den einzelnen Exponaten zu erzählen.

Meine alte analoge Kamera ist seit dem Nahen Osten kaputt, einen Film hatte ich mit der neuen noch nicht voll gemacht. Ich hatte zwar mal einen drin, doch der war komplett unbelichtet. In Hannover hatte ich nun einen schwarz/weiss Film und Farbfilm dabei. Ich verschätzte mich aber grob mit ISO und Belichtungszeit, sodass die Bilder jetzt so unrein aussehen.

Über den Innenhof verteilt waren große und kleine Konstruktionen aus Holz, Pappe und sogar Tetra-Pak.

Der Großteil der Architektur-Studenten war weiblich. Die wenigen Kerle waren dabei alle breit gebaut – und mürrisch auf uns Fotografen zu sprechen.

Die dritte WG – Sportler und ihre Hobbys

In angesagter Lage, wie man mir sagte, befand sich die dritte Wohngemeinschaft in Laufweite von der Bude meines Kumpels. Ich war zu früh dran und betrat die Wohnung als noch eine weitere Interessentin zugange war. Sie war Journalismusstudentin aus München, die das Studium der praktischen Arbeit vorzog. Die Bewohner waren zwei Sportler und ein Sozialwissenschaftler. Das Zimmer war klein aber gemütlich, inklusive eines begehbaren Vordachs unter dem ein gemütlicher Garten lag.

Relativ unbeeindruckt von meinen Reisen und Referenzen fragte mich die Dame in der Runde, ihreszeichens braungebrannte Sportstudentin mit Nebenjob im Freibad, nach meinem Hobbys. Ich schluckte.
Das Problem daran, wenn man sein Hobby und das, was man gerne macht zum Beruf macht, ist, dass man gleichzeitig ein Hobby aufgibt. Als Freiberufler/Selbstständiger hat man eh auch weniger Zeit für Hobbys. Ich sagte schnell noch den einzigen Sport, den ich tatsächlich sehr gerne ausübe („Fahrrad fahren“), doch mit Blick auf meine Wampe kauften sie mir das wohl nicht ab.

Beim stockenden Gespräch in der Küche disqualifizierte ich mich, als ich, wie Berliner das gern mal so machen, über andere & kleinere Städte lästerte. In diesem Falle Hannover, der Geburtsstadt von 2/3 der WG. Nicht viel später folgte ein „du hörst von uns“ und ich ging durch die Tür.

Die vierte WG – Journalisten und das Steak-Verbot

Der letzte Termin kam kurzfristig rein und musste ebenso schnell erledigt werden da mein Auto nach Berlin bald folgen sollte. Ebenfalls in guter Lage und mit tollen Zimmern war es eine WG von Journalisten, die entweder noch im Studium oder kurz vorm Ende und schon im Beruf drin steckten. Print, Fernsehen und Radio waren vertreten.
Erst im Nachhinein realisierte ich, wie anti die Bewohner mir gegenüber eingestellt waren. Erst dachte ich, es lag daran, was ich sagte oder nicht sagte. Doch dann fiel mir auf, dass es daran lag, was ich war.

Journalisten sind privat das, was sie im Beruf sein müssen: betont selbstbewusst, ehrgeizig und direkt. Und bei der Besichtigung waren sie zudem noch hektisch, gestresst und schnell. Für sie war ich erstmal nur ein Konkurrent in ihrer Branche.

Innerhalb von 10min trafen fast alle Bewohner der WG ein. Die Damen nahmen mich ins Kreuzverhör während der Kerl sich eine Zucchini schnitt und in die Pfanne warf.

„Ich bin Fotograf, schreibe aber auch“, sagte ich in der Vorstellungsrunde. Der Autor aus dem Printjournalismus quittierte es nur mit einem „Ach!“ als er sich die Zuchhini brutzelte. Seine Zweifel daran, dass dieser Knipser nun auch noch schreibt und in sein Berufsfeld eingreift, war über dem heissen Öl laut zu hören. Als ich ihm sagte, dass ich Fotojournalismus an der FH studiere, nötigte ihm das aber einen gewissen Respekt ab. „Die sind krass“, sagte er.

Mittendrin kam eine SMS. Die Mitfahrgelegenheit, die mich in 50min im Norden der Stadt abholen sollte und nachhause fährt, hat spontan abgesagt. Der Autor fühlte mit mir und stellte seinen Rechner zur Verfügung, damit ich eine neue Mitfahrgelegenheit suchen konnte. Während er das Passwort eintippte wischte er eine wilde Ansammlung von Pillen von der Tastatur. Ich fragte nicht, aber man sagte mir, dass die von dem Mitbewohner stammten, der gerade nicht da ist. „Er arbeitet in einer Psychatrie und kommt daher günstig an Pillen“ erklärte mir die Fernsehjournalistin. „Aber nicht die Art Pillen an die du jetzt denkst“ fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu und kaute weiter auf ihrer Möhre herum.
Sie kam gerade von einem Dreh und reagierte am aufgeschlossensten auf mich. Allerdings verabschiedete sie sich kurz und musste weg. Es folgten provozierende Fragen mit verschränkten Armen von den anderen. Es wurde meine Qualität als Journalist geprüft, ich hatte aber nicht das Bedürfnis ihnen jetzt hier etwas demonstrieren zu müssen.

Ich erzählte was ich suchte und die Antwort war nur ein ablehnendes „das klingt aber nach Zweck-WG“. Der Zweck einer WG ist es, ein Zimmer zu haben und mit anderen zusammen zu wohnen. Das suchte ich. Woher die Erwartungshaltung kommt, mit dem neuen Mitbewohner gleich den neuen besten Freund zu suchen, ist mir ein Rätsel.

Doch die entscheidene Frage war: „Bist du Vegetarier?“. Nein, sagte ich. „Wir sind aber alle Vegetarier, weil wir für die Welt sind“. Berechtigte Begründung, wenngleich auch eine WG in Hannover mit dem Braten von Zucchini sicherlich nicht „die Welt“ retten wird, was immer damit gemeint war. „Heisst das, dass ich keine Wurst im Kühlschrank haben kann, selbst wenn ich sie in meinem Zimmer esse?“, fragte ich. Der Blick ging zur Zucchini und wieder zurück zu mir. Nein, war die kollektive Antwort. „Ich müsste mich also zwischen Steak und dieser Wohnung entscheiden, da ihr keine Nicht-Vegeterier akzeptiert?“. Sie nickten und ich ging zur Tür.

Ich kann ihre Lebenseinstellung nachvollziehen, sie aber für mich selbst nur wegen einer Wohnung anzunehmen halte ich für verkehrt. Und dogmatisch Nicht-Vegetarier auszuschließen sprach auch nicht grade für eine allgemeine Toleranz. Ohne viele Worte wurde mir zum Abschied gewunken. Im Treppenhaus traf ich dann noch die Fernsehjournalistin wieder. Sie war irritiert, dass ich so schnell wieder ging.

Heimfahrt

Kurzfristig fand ich noch eine andere Mitfahrgelegenheit nach Berlin, am selben Treffpunkt und zur selben Zeit. Mit schwerer Kameratasche und meinem Kram über der Schulter hetzte ich in den Norden der Stadt. Gerade noch pünktlich – allerdings am falschen Treffpunkt. Der Fahrer ließ noch mit sich reden, drehte um und sammelte mich ein.

Im Auto lief Deathmetal als ich mich dem Polizisten vorstellte. Er ist vor kurzem von Hannover nach Berlin gezogen und fährt regelmäßig diese Strecke. Kurzfristig stellt er dann immer die Mitfahrgelegenheit online und fährt damit selten alleine.
Ob es als Polizist denn nicht frustrierend sein kann fragte ich ihn. Joa, sagte er. Aber die Motivation ist doch noch da, fragte ich. Joa, sagte er. Er war absolut entspannt.
Zwischen den Frust im Alltag hat er sich mit den begrenzten Möglichkeiten des Jobs abgefunden. Wie ein buddhistischer Mönch saß er hinter dem Lenkrad. Er akzeptierte „es ist wie es ist“ und machte damit einen zufriedenen Eindruck.

Neben ihm saß ein Blondine in meinem Alter. Sie hatte gerade ihr Studium abgebrochen. Nicht ihr erstes. Von der Abbrecherin zum Aufbrecher wollte sie nun demnächst in eine lange Reise starten. Wann weiss sie noch nicht. Sie macht sich da keinen Druck. Ihre Eltern machen auch keinen, den machten sie noch nie. Weder bei der abgebrochen Ausbildung noch beim vorzeitigen Beenden des Studiums. Nur sie machte Druck – ob wir denn nicht mal für eine Zigarette anhalten könnten.

Nach der Kippe kamen die Blitze. Ein Regensturm und Gewitter hing tief über der Autobahn. Links und rechts der Fahrbahn leuchtete es kurz taghell. Auf der anderen Fahrbahn zogen die Autos einen feinen Nebel von aufgewirbelten Regen hinter sich her. Die Scheinwerfer machten aus dem Nebel kleine leuchtende Geister. Als ich den Fahrer auf dieses interessante Phänomen hinwies meinte der Beamte nur trocken, dass er lieber auf die Straße vor sich achtet. Inzwischen liefen die Beatsteaks in einer Dauerschleife. Die Blondine schlief.

Ankunft

Sicher vor dem Regen stand ich in Berlin nach dem Aussteigen an der Haltestelle. Da ich nie Bahn oder Bus fahre, fragte ich den großen Kerl neben mir, wie weit der Bus denn nun fährt. Er war Grieche und auch als ich auf sein Bitten hin auf Englisch fragte, wusste er es nicht. Ich erzählte ihm, dass ich grad aus Hannover komme und wie das deutsche WG-System funktioniert. Er fand es seltsam, wünschte mir aber viel Glück als er in seinen Bus stieg.

Als mein Bus endlich kam stiegen mehrere Akademiker Mitte 30 ein. Angeheitert beendet sie ihren Berlin-Besuch, während eine von ihnen von ihrer Zeit in der Hauptstadt erzählte. Erst wohnte sie im Prenzlauer Berg, nun gentrifiziert sie aktiv Neukölln. Ihr angeheiterter Kollege war ganz entzückt davon, dass Schönhauser Allee ja fast wie Schöneberg klingt, wo sie gerade hinwollen. Seine blondierte Freundin lächelte darüber nur müde. Ein weiter Herr im Bunde versuchte dann die Damen, die sonst wissenschaftlich tätig sind, zu überzeugen, dass der Bus eine Distanz von 4 Kilometern in drei Minuten zurücklegen könnte. Ich lächelte müde und ging die Liste von Substanzen durch, die er vermutlich intus hatte.

Nun gibt es zwei Dinge von denen man sagt, dass Berliner sie nicht mögen: Nicht-Berliner und Nicht-Berliner, die nach Berlin ziehen. Die Gemeinschaft vor mir gehörte dazu.
Mit Bussi Bussi verabschiedeten sich, bis nur noch der leicht angeheiterte Herr und seine blondierte Freundin übrig waren. Kurz vor meiner Station stiegen sie aus und Blondi lief danach direkt noch vor den Bus. Ihr Kerl küsste sie zur Wiedergutmachung fest. Ich war alleine im Bus.

Eine Reise von zwei Tagen und durch mehrere Wohnungen endete nun in meiner eigenen. In wenigen Tagen bin ich in Tokyo, dachte ich, als ich den Schlüssel drehte.
Zuhause.