Am Abend zuvor war ich in Aizu-Wakamatsu angekommen. Aizu ist Japan-weit als historischer Ort bekannt, mit Schloss, alten Gebäuden und eigener Samurai-Legende, die sogar Adolf und Mussolini erreichte. Hohe Berge standen rund um den Ort, der selbst ordenlich hoch lag. Es war kälter als Hokkaido und genau so schneereich.
Mein Freund, der mir seine Wohnung und zweiten Futon zur Verfügung stellte, musste an diesem Montag zur Arbeit. Umso mehr Zeit hatte ich dann, den Ort alleine zu erkunden. Er gab mir noch ne Karte und hilfreiche Tipps auf den Weg, und machte sich dann auf den Weg zur Arbeit. Ich blieb noch im Bett denn es war KALT!!
Es ist ja viel bekannt, über dünne japanische Holzhäuser, die absolut keine Isolierung haben. Aber wer im tiefsten Winter nicht selbst drinnen gewohnt hat, kann sich keine Vorstellung machen. Zentralheizung gibts ja auch keine, so hatten wir nur einen Kerosin-Ofen, der im Futon-Zimmer lief und es einigermaßen erträglich machte. Doch im Nebenzimmer und in der Küche war es so kalt wie im Gefrierfach des dort stehenden Kühlschranks.
Ich duschte, machte Frühstück, spülte das Geschirr, dass da schon ne Woche stand, und reinigte den Kühlschrank von Sachen, die schon ein Eigenleben entwickelt haben. Eine Tupperdose kam mir sehr bekannt vor:
Mein Freund und ich waren im Oktober zum Essen bei einer Japanisch-Lehrerin in Tokyo eingeladen. Es war vorzüglich und am Ende blieb sogar etwas übrig, was sie für uns in eben diese Tupperdosen packte. Ich aß meine Portion dann in den folgenden Tagen. Seine Portion fand ich Ende Dezember in diesem Kühlschrank in Aizu-Wakamatsu, mit einem gräulich-weißen Belag darüber. Doch ich ließ es erstmal drin, vielleicht wars ja ein biologisches Experiment.
Ich machte mich auf den Weg.
Über Nacht hatte es wieder geschneit, all die alten Häuser waren weiss gepudert.
Der Schnee war wirklich tief, und da Aizu nicht so viele Bewohner hat, die zudem auch eher im Auto als zu Fuß unterwegs waren, war ich oft der Erste, der seine Spuren im tiefen Schnee hinterließ.
Dank langer Unterhose und dicken Socken war das selbst mit Turnschuhen nicht das Problem.
Nach anfänglichen Orientierungsschwierigkeiten fand ich meinen Weg zum Friedhof und zu den Tempelanlagen von Aizu, die leicht erhöht auf einem Hügel lagen. Unten werkelt man an der Rolltreppe bzw. eine Art überdachter Aufzug für die, die nicht so gut zu Fuß waren. Ich zählte mich mal dazu, doch man ließ mich nicht gewähren, schließlich muss man noch bauen. Ich fragte, wann sie denn fertig seien, und sie meinten “Februar”. Also gut, die Treppe dann. Man rief mir noch ein “Sei vorsichtig!” hinterher.
Die Treppe war komplett eingescheit. Die Stufen waren dabei schon recht alt und für kleine japanische Füße konzipiert. Der plattgetretene Schnee bot dabei auch eine erhöhte Rutschgefahr. Ich packte die Kamera lieber in die Tasche damit ich beide Hände zum Festhalten frei habe.
Oben dann ein netter Ausblick über den Ort, links im Bild der überdachte Gang.
Zwischen nord-europäisch anmutenden, eingeschneiten Nadelbäumen lag der alte Friedhof von Aizu.
Hier liegen auch die 5 weissen Samurai, bzw. ihre Gedenksteine. Ich muss mal schauen, ob ich die Legende noch zusammenkriege, es geht ungefähr so:
Es war einmal in einem Japan im 16./17. Jhd. Die einzelnen Fürste, Stämme und Clans waren öfter mal im Krieg. So auch der Fürst von Aizu, der in seinem Schloss saß und auf seine Samurai wartete. Diese kamen über dem Hügel wo nun der Friedhof steht und schauten auf Aizu. Vielleicht hatte sie die Sonne geblendet, sie hatten zu viel Sake oder der Weg war zu beschwerlich, doch sie sahen ihr Schloss mit Fürst in Flammen stehen und sahen den Krieg verloren. In Wirklichkeit stand und steht es noch bis heute. Jedenfalls nahmen sie diese Sinnestäuschung als Anlass kollektiv Selbstmord zu begehen.
Im Lauf der Geschichte wurde diese, ich sag es einfach mal, Dummheit dann umgedichtet als Akt von ehrenhafter Loyalität, was viele Japaner ziemlich rührte. Vor und im 2. Weltkrieg, als Japan mit Italien und Deutschland ganz dicke war, erreichte diese Geschichte auch Mussolini, der von diesen ehrenhaften Soldaten so bewegt war, dass er 1928 eine Marmorstatue aus Pompeji stiftete, die bis heute dort auf dem Friedhof steht.
Es gibt auch einen Gedenkstein mit Hakenkreuzen drauf, den ich allerdings unter all dem Schnee nicht finden konnte. Laut deutscher Wikipedia steht darauf:
“Ein Deutscher den jungen Rittern von Aizu”
Ob die Legende tatsächlich Adolf erreichte ist historisch nicht belegt, sehr wahrscheinlich ist allerdings schon. Der stand ja nachweislich auf diesen Militär-Pathos.
Eine popkulturelle Verwurstung mit Manga-Charaktern gibt es natürlich auch.
Das hier war ein Souvenir-Verkaufsstand, der allerdings geschlossen hatte und nur neugierige Katzen beherbergte. Die gesamten Waren waren zwar offen, doch da ich ehrlich bin, machte ich nur Fotos und keine Straftaten.
Rechts vom Friedhof war eine Schrein und Tempel-Anlage und auch eine Statue von einem der Samurai, wie er grad auf das vermeintlich brennende Schloss schaut.
Hätte er mal lieber für 200yen das Münzfernrohr benutzt…
Ich hatte in der Nacht zuvor noch auf Facebook geschrieben, dass ich in Aizu angekommen bin. Eine befreundete Architektin schrieb mir dann, dass ich mir unbedingt den Sazae-Do anschauen soll. Ein bisschen rumfragen ergab dann, dass der auch bei der Tempelanlage stand.
Inzwischen fing es auch wieder an zu schneien. Ich stapfte also durch das weisse Zeug zum Eingang vom ca. 5 stöckigen Holzturm.
Das Besondere an diesem Turm ist seine Wendeltreppenkonstruktion. Es gibt zwei Eingänge mit jeweils einem Gang. Egal für welchen man sich entscheidet, beide treffen oben wieder zusammen, sodass man keinen Weg zweimal gehen muss. Ich bin es allerdings schon, da ich Bilder machen wollte.
Und die Besonderheit an diesem Turm ist gleichzeitg auch das einzig Interessante. Wenn man die 300yen bezahlt hat und dann oben angekommen fragt man sich durchaus “Wie, das wars nun?”.
Oben, die Decke verziert mit lauter religiösen Sprüchen.
Ich hätte auch ohne die 300yen zu bezahlen einfach hineingehen können, die einzige alte Dame, die heute dort zuständig war, hatten sich zu einer weiteren alten Dame in den warmen Souvenirshop zurückgezogen und beide schwatzten über einem heissen Ofen. Doch wie gesagt, mir war nicht nach Straftaten also rief ich sie und bezahlte. Sie war sichtlich erfreut. Doch neben uns drei war keiner auf dem ganzen Gelände. Zusammen mit dem kalten Wetter, diesem alten Holzturm und dem Wind, der dagegen heulte, kreierte das eine ganz eigene Atmosphäre.
Neben diesem (ungewöhnlichen) buddhistischen Tempel gab es auch eine Shinto-Schrein Anlage, die auch komplett im Schnee lag.
Hinter dem Schrein gab es auch einen eingeschneiten Bambuswald.
Ich bin dann vom Tempel weg, hin zur anderen großen Sehenswürdigkeit: Dem Schloss. Auf dem Weg konnte ich viele Eiszapfen von den Dächern hängen sehen.
Ich wollte ganz besonders nah ran, zu einer Großaufnahme von diesem riesigen Zapfen.
Ich achtete allerdings nicht auf den Boden und sackte auf einmal mit meinem linken Bein ab, in einen Wassergraben, der vom Schnee bedeckt war. Mein linkes Bein bis zum Knie hin war nass. Dazu schneite es immernoch unaufhörlich und durch den Shinto Schrein zu stapfen war auch nicht gerade trocken.
Man sieht mir mein Gemüt vielleicht an.
Der Marsch zum Schloss war ungefähr eine Stunde lang, der Schnee wurde immer heftiger, ich zunehmend nasser und somit wurde mir auch kälter.
Im Schloss selbst gab es einige Bereiche wo man die Schuhe ausziehen musste. Meine Socken waren komplett nass und hinterließen kleinen Pfützen auf dem Holzboden. Doch viel schlimmer war es dann wieder in die nasskalten Schuhe zurück zu schlüpfen.
Aizu ist besonders bekannt für Lackmalereien….
…und eben Samurai und alte japanische Kultur.
Von oben hatte man dann einen wunderbaren Blick über die ganze Schneelandschaft.
Ich machte mich dann auf den anderthalb stündigen Weg nach Hause. Komplett durchgefroren schaltete ich den Ofen ein und packte meine Schuhe und Socken davor. Irgendwann schlief ich dann ein und wurde geweckt von meinem Freund, der von der Arbeit nachhause kam. Ich erzählte, wie ich den Tag verbrachte und er meinte nur “Wow, dann hast du ja voll wenig gesehen”.
Stimmt nicht ganz, ich hab viel gesehen. Viel Schnee. In, auf und außerhalb meiner Kleidung.
Ho-Ho-Hokkaido:
Kapitel 1: Das weite Land
Kapitel 2: Lange Unterhosen FTW
Kapitel 3: Winterwunderland
Kapitel 4: Eiszapfen und das beste Klo der Welt
Kapitel 5: Der Wind bläst südwärts
Kapitel 6: Eingefrorene Samurai
Kapitel 7:Das Ende der Reise
Besteht die Möglichkeit, dass wenn du zurück in Deutschland bist, es eine Fotobuch von dir über Japan gibt?
joa ich hab da schonmal druber nachgedacht, groesstenteils weil ich die inhalte sicher will und es manchmal probleme mit der online darstellung gibt. ich wollte es auch selbst layouten, aber eher im kleinen kreis verteilen. na ma schaun, erstmal versuch ich ne ausstellung zu machen und vlt einige buecher dabei auszulegen. je nachdem wie die dann ankommen kann man ja nochmal ueberlegen. ich haette sogar schon nen titel: “TokyoFotoSushi – Japan haeppchenweise.”
Die Geschichte sollte aber auf jeden Fall mit ins Buch. Ist einfach zu gut gelungen und erklaert oft die Stimmung auf den Photos.
einfach gut. Sehr schöne Detailaufnahmen hast du gemacht. Das war ja ein erlebnisreicher Tag! 🙂